Dreyfus Drei an der GBS: Ein Gespräch ohne Tabus
Dreyfus Drei an der GBS: Ein Gespräch ohne Tabus
Zum ersten Mal hat die Gewerbliche Schule Schwäbisch Hall (GBS SHA) am vergangenen Montag am Schulprojekt „Dreyfus Drei" der Stiftung Jüdisches Museum Creglingen (JMC) teilgenommen. Die gesamte Jahrgangsstufe 12 des Technischen Gymnasiums verbrachte den Vormittag mit dem Dokumentarkurzfilm der australisch-jüdischen Künstlerin Ella Dreyfus – und kam anschließend live im Online-Meeting mit der Filmemacherin ins Gespräch.
Der poetische Dokumentarkurzfilm erzählt eine sehr persönliche Familiengeschichte: Ella Dreyfus wuchs in Sydney in einem gläubigen jüdischen Elternhaus auf, wusste aber lange nichts über das Schicksal ihrer Familie in Deutschland. Über die Kindheit ihres Vaters Richard in Wuppertal und Berlin wurde zuhause geschwiegen – ein Tabu, das bei ihr eine diffuse Angst vor allem Deutschen hinterließ. Erst nach dessen Tod 1998 beginnt sie, sich der verdrängten Geschichte zu stellen. Sie reist nach Melbourne zu ihrem Onkel George, dem einzigen noch lebenden deutschstämmigen Dreyfus, der 1939 als Elfjähriger mit einem Kindertransport vor den Nationalsozialisten fliehen musste – und der überraschenderweise schon zehn Jahre nach Kriegsende als einer der ersten deutschen Juden zum Musikstudium nach Deutschland zurückkehrte. Dort trifft sie auch dessen Sohn Jonathan, der als Komponist mittlerweile in Berlin lebt und die Stadt seine Heimat nennt. Der Film zeigt eindrücklich, wie unterschiedlich die Brüder Richard und George auf ihr gemeinsames Kindheitstrauma von Vertreibung und Exil reagierten und wie sich das bis in die Enkelgeneration fortsetzt. Auf ihrer eigenen Spurensuche in Wuppertal, Berlin und Wiesbaden schließlich sucht Ella Dreyfus die einstigen Wohnorte ihrer Familie auf und schafft dort Straßenkunstinstallationen mit großen, bunten Filzbuchstaben, die an die einst dort lebenden jüdischen Familien erinnern. So verbindet der Film Familieninterviews aus Australien mit Dreyfus' Recherchereise und ihrer künstlerischen Arbeit in Deutschland zu einem Porträt über drei Generationen, Exil und Identität.
Der Ablauf des Vormittags folgte dem Konzept der Stiftung: Nach Einführung und Filmvorführung in der ersten Stunde sammelten die Schüler:innen in der zweiten Stunde ihre Fragen und bereiteten das Gespräch vor. Nach der großen Pause schaltete sich Ella Dreyfus aus Sydney zu. Organisiert hatte die Veranstaltung Martin Heuwinkel, Geschäftsführer der Stiftung JMC; das Teams-Meeting richtete Religionslehrer Stefan Hartelt ein, der die Veranstaltung gemeinsam mit Geschichtslehrerin Stephanie Wöhl begleitete.
Rund eine Stunde lang stellten die Schüler:innen der Filmemacherin die Fragen, die sie sich nach dem Sichten des Films erarbeitet hatten, und traten mit ihr in einen echten Dialog – komplett auf Englisch, was für die Oberstufenschüler:innen keine nennenswerte Hürde darstellte. Dabei wurde deutlich, wie sehr die Vergangenheit noch in die Gegenwart hineinreicht. Auf die Frage, wie es ihr heute als Jüdin in Sydney gehe, beschrieb Dreyfus mit Blick auf den 7. Oktober 2023, wie explosionsartig der Hass seither zugenommen habe und wie beängstigend sie das finde. Aus Australien berichtete sie von einer intensiven gesellschaftlichen Debatte darüber, ob und wie Antisemitismus im Schulunterricht behandelt werden solle – zumal viele Lehrkräfte selbst zu wenig über das Thema wüssten. Für die Zukunft wünsche sich Dreyfus, dass gerade in Deutschland die Auseinandersetzung mit Antisemitismus weiter vertieft und diskutiert werde.
Angesichts der positiven Resonanz ist eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit der Stiftung Jüdisches Museum Creglingen in den kommenden Schuljahren bereits angedacht.


















